Der Gewalt in der Pflege konsequent entgegentreten

Der Gewalt in der Pflege konsequent entgegentreten

Nicht erst seit dem erschütternden Geständnis der gezielten Tötung von über 100 Patienten eines ehemaligen niedersächsischen Krankenhauspflegers ist Gewalt in der Pflege von alten und kranken Menschen in Deutschland ein leider sehr ernst zu nehmendes Thema. Genau genommen ist die Serie der menschenverachtenden Taten des Niels Höger (https://www.t-online.de/nachrichten/panorama/id_84697020/vermutlich-100-opfer-mordserie-an-patienten-ex-krankenpfleger-hoegel-gesteht.html ) bei all ihrer Abscheulichkeit nicht einmal ein passendes Beispiel für diese Problematik, handelte hier doch ein Einzeltäter aus niederen, eitlen und boshaften Motiven.

Diese den hunderttausenden pflegenden Angehörigen, Krankenhaus- und Altenpflegern auch nur ansatzweise zu unterstellen, wäre grundfalsch. Trotzdem müssen wir ehrlich sein. Das Thema Gewalt in der Pflege ist in Deutschland existent und nicht wegzureden.

Leider gehen diesbezügliche Studien (https://www.pflege-gewalt.de/wissen/haeufigkeit/ ) hierzulande schon seit einiger Zeit von einem Gewaltproblem gerade in stationären Pflegeeinrichtungen aus, die sich nicht nur auf einige wenige Ausnahmen beschränkt, sondern offenbar ein weiter verbreitetes Phänomen darstellt, als uns allen miteinander lieb sein kann. Verlässliche statistische Angaben liegen dazu nicht vor. Man geht von einer sehr hohen Dunkelziffer aus, da gerade alte, kranke und häufig demente Menschen selten in der Lage sind, sich über mangelhafte Zustände zu beschweren bzw. diese zur Anzeige zu bringen.

Gewalt – wer gegen wen?

In der öffentlichen Wahrnehmung beschränkt sich die Gewaltausübung in der Pflege fast ausschließlich auf die vom Pflegepersonal oder pflegenden Angehörigen zum Pflegebedürftigen. Hier mag sie sicherlich häufig  auftreten, jedoch ist diese alleinige Sicht nicht korrekt, darum werden von Experten zu Recht zwei weitere Gruppen (https://images.buch.de/images-adb/47/45/4745bcf3-9c9e-4cde-adc7-8a99406bf567.pdf ) genannt:

  • Gewalt von Pflegebedürftigen gegenüber dem Pflegepersonal oder dem sie pflegenden Angehörigen. (Schlagen, Anspucken, Anschreien, diskriminierendes Beleidigen, gezieltes Verwüsten von Bett, Kleidung, Geschirr; absichtliches Urinieren oder Stuhlgang ins Bett ohne Vorwarnung als „Bestrafung“ u.a.)
  • Gewalt von Pflegebedürftigen gegenüber anderen Pflegebedürftigen: verbale oder körperliche Attacken gegen Bettnachbarn im Krankenhaus, Mobbing von Mitbewohnern im Altenheim u.a.
Was ist unter Gewalt in der Pflege eigentlich zu verstehen?

Die entscheidende Frage ist ja: Wo fängt Gewalt an, wo hört sie auf? Welche Handlungenstellen eine offensichtliche Gewaltanwendung dar und was ist latente Gewalt? Am offensichtlichsten für Außenstehende ist das Zufügen von Schmerzen. Wir reden hier nicht nur von handfesten Körperverletzungen, wie Schlagen oder Kneifen, sondern auch von ruppigen Verbandswechseln, zu heißem Waschen oder anderen schmerzhaften Handlungen.

Viel häufiger jedoch als diese tritt die „versteckte“ Erniedrigung auf, die zwar auch körperliche Schmerzen hervorrufen kann, aber den Pflegebedürftigen viel häufiger in seinen Persönlichkeitsrechten verletzt. Beispiele dafür sind das Fixieren am Bett, obwohl die Gefahr einer Selbstverletzung nicht besteht; dem unbegründeten Verabreichen von ruhigstellenden Medikamenten; der aufgezwungenen Verwendung von Dauerkathetern oder Windeln anstelle des Toilettengangs; der totalen Bevormundung und Kontrolle im Tagesablauf (Einbehalten von Geld, ungefragtes Öffnen von Briefen und Paketen); dem respektlosen, ignoranten und diskriminierenden Umgang; der Verletzung der Intimsphäre, dem Verweigern oder der viel zu geringen Gewährung von Hilfe im Alltag.

Was sind die Gründe?

Jede Form von Gewalt in der Pflege kann also offen oder auch versteckt zutage treten. Nicht selten sind sich die Pflegenden der eigentlichen Konsequenz ihrer Handlungen nicht einmal bewusst oder unterschätzen sie. Die Gründe für die vorhandenen unangemessenen Verhaltensmuster sind komplex und die offensichtlichen Defizite greifen Hand in Hand:

  • Der Pflegeberuf ist körperlich und mental sehr anstrengend, oft viel anstrengender als erwartet und vergleichsweise schlecht bezahlt. Deshalb ist die Fluktuation groß. Altenpfleger*innen orientieren sich im Schnitt nach 10 Berufsjahren neu. Altenpfleger mit Burn-out sind sehr häufig zu finden.
  • Der Beruf hat ein angegriffenes Image. Berufseinsteigern erscheint diese Berufswahl häufig nicht attraktiv genug.
  • Ein erheblicher Mangel an Pflegekompetenz bei Teilen des vorhandenen Personals wegen mangelnder oder nicht vorhandener Ausbildung ist problematisch. Der Not gehorchend werden Quer- oder Neueinsteiger rekrutiert, die aber nicht ausreichend angelernt und für die Pflege von kranken Menschen sensibilisiert wurden.
  • Ein seit Jahren vorhandener akuter Personalmangel lässt das Problem weiterwachsen. Massive Unterbesetzungen und daraus entstehende Überlastungen des vorhandenen Personals bedeuten eine weitere Verschärfung der Lage. Darunter leidet die Qualität der Pflege und mentale Verfassung aller Beteiligten. Nicht selten müssen 30 Pflegebedürftige nachts von einem Pfleger versorgt werden. Um der Sache Herr zu werden, glauben einige, dem guten Zweck zuliebe zu ruhigstellenden Methoden greifen zu können oder dies gar zu müssen.

Es müssen dringend Lösungen gefunden werden, die das Pflegepersonal entlasten, die eine hohe Pflegequalität gewährleisten, die den Pflegebedürftigen Vertrauen gibt und Gewalt in jeder Form ausschließen kann. Die Pflegereform denkt dies an und für pflegende Angehörige gibt es die Verhinderungspflege (https://www.humanis-pflege.de/leistungen/verhinderungspflege/ ), die HUMANIS anbietet und die teilweise durch die Kassen finanziert wird.

Weitere Lösungen, auch damit ältere Menschen länger zuhause wohnen können, scheinen in kleinen Schritten auf den Weg gebracht zu werden. Je schneller sich etwas tut, desto weniger Tränen werden auf allen Seiten fließen.