Pflegenotstand auch bei jüngeren Patienten

Pflegenotstand auch bei jüngeren Patienten

Der TV-Auftritt in der ARD „Wahlarena“ mit Angela Merkel hätte das Problem um den Notstand der Kranken- und Altenpfleger nicht besser darstellen können. Binnen drei Minuten konfrontierte der junge Azubi-Pfleger Alexander Jorde die Bundeskanzlerin mit der aktuellen und etwas aussichtslosen Situation und ließ sie fast sprachlos zurück. Dies zeigt deutlich den Unmut der Betroffenen, egal, ob Patient oder Pfleger.

Steigende Zahlen Pflegebedürftiger

Pflegebedürftige, die unter der derzeitigen Situation leiden, gibt es auch bei den unter 60-Jährigen. Für manche Menschen beginnt die Bedürftigkeit schon mit dem frühen Kindesalter. Laut den Statistiken des Barmer Pflege-Reports 2015 wurden in Deutschland 386.000 Pflegebedürftige erfasst. Das sind 13,5 % der 2,86 Millionen mit der Pflegestufe eins bis drei.

Andere Bedürfnisse bei jüngeren Pflegebedürftigen

Jüngere Pflegebedürftiger haben meist andere Krankheitsbilder. Während Senioren im Alter häufiger an Demenz oder den Folgen von Schlaganfällen leiden, sind es bei den Jüngeren eher Krankheiten wie Lähmung (35 %), Intelligenzminderung (32 %), Epilepsie (24 %) oder Down-Syndrom (10 %). Die veränderte Art der Betreuung verschafft trotz der Schwere der unterschiedlichen Krankheitsbilder den jüngeren Pflegebedürftigen mehr Freiheiten. Dementsprechend ist auch der Wunsch der Patienten nach selbstbestimmtem Wohnen groß. Einer Umfrage unter Versicherten im Alter von 10 bis 29 Jahren zufolge würden beispielsweise 35% von ihnen gerne in eine Wohngruppe ziehen.

Momentane Situation

Doch die Realität sieht leider anders aus. In den Wohngruppen, Pflege- oder Behinderteneinrichtungen ist kein Platz. Ein Dilemma, was der Politik vorgeworfen wird. Doch nicht nur hier klemmt es. Ebenso große Versorgungslücken gibt es auch in der Kurzzeitpflege. So haben nur neun Prozent der Patienten die Möglichkeit, sich einmal im Jahr auf diese Weise versorgen zu lassen, während der Wunsch, um mehr als 100 Prozent höher liegt, als es überhaupt realisierbar ist. Das trifft dann nicht nur die Pflegebedürftigen selbst, sondern auch die pflegenden Angehörigen, da diese auch kaum Chancen haben, sich auszuruhen. Ein Umstand, der letztlich die Pflegeversorgung elementar bedrohen kann. Denn ist das Pflegepersonal krank – egal, ob im häuslichen Umfeld oder in einer Einrichtung, verschärft sich der Pflegenotstand und somit in der Konsequenz die gesundheitlichen Risiken für die zu Betreuenden.

Forderungen an alle Verantwortlichen

Um die Situation zu heilen, müsste die Attraktivität der Pflegeberufe gesteigert und somit die Fluktuationsrate gesenkt werden. Fachkräfte verweilen bislang in der Krankenpflege maximal 13,7 Jahre, in der Altenpflege sogar nur 8,4 Jahre. Das liegt sowohl an der geringen Vergütung als auch an vorhandenen attraktiveren Stellen auf dem Arbeitsmarkt.

Nachdem die Sondierungen zur Jamaika-Koalition gescheitert sind, wo die Pflege auf der Tagesordnung stand, bleibt abzuwarten, was sich in Zukunft entwickelt. Neben Bund, Ländern und Kommunen müssen auch öffentliche und private Kostenträger, sowie Leistungsbringer und –träger in die Lösung der unhaltbaren Situation involviert werden. Es bleibt zu hoffen, dass mehr ambitionierte Pflege-Azubis wie Alexander Jorde um eine bessere Pflegesituation kämpfen und an ihren Forderungen an die Politik festhalten.