Alte Menschen und Medikamente: Schlaf- und Beruhigungsmittel Teil 4

Alte Menschen und Medikamente: Schlaf- und Beruhigungsmittel Teil 4

PRISCUS Liste: Besondere Sorgfalt gilt bei Schlaf- und Beruhigungsmitteln für ältere Patienten

Vorsicht ist hier die Mutter der Porzellankiste: Zumindest, was den Einsatz von beruhigenden und schlaffördernden Medikamenten bei älteren Patienten betrifft. Jeder vierte Arzneistoff der Hypnotika und Sedativa wird in der PRISCUS Liste aufgezählt. Warum das so ist? Mit zunehmendem Alter verändert sich trotz gleichbleibender Schlafmenge die Schlafqualität. Tiefschlafphasen werden seltener und der oberflächliche Schlaf nimmt zu. Sogenannte „arousals“ (Wachphasen) können bis zu 150 Mal in der Nacht auftreten. Gleichzeitig nimmt auch die Schlafqualität ab, wodurch ältere Menschen öfter im Bett liegen ohne wirklich fest zu schlafen. Um das zu vermeiden, verschreiben viele Mediziner Senioren aus diesem Grund Schlaf- und Beruhigungsmittel. Mittlerweile sind es mehr als eine Million Menschen in Deutschland, die diese Medikamente regelmäßig einnehmen, schätzt die Deutsche Hauptstelle für Suchtanfragen (http://www.dhs.de).

Wie wirken Schlaf- und Beruhigungsmittel?

Schlaf- und Beruhigungsmittel führen bei Menschen zu einem „Wohlfühleffekt“, da sie Erregungszustände verringern, Ängste lindern und muskelentspannend wirken. Die gängigen Mittel wirken alle ähnlich. Sie verstärken die Wirkung eines bestimmten Botenstoffs im Gehirn und Nervensystem. Dieser Botenstoff hemmt allerdings nicht nur ungewollte Gemütszustände, sondern sämtliche Hirnfunktionen, sei es Aufmerksamkeit, Konzentrationsfähigkeit oder Bewegungskoordination.

Wer das eine will, muss das andere mögen?

Die Gefahr dieser Präparate liegt in der Dauer der Einnahme, da sie häufig zu Abhängigkeit führen kann. Hinzu kommt, dass diese Hilfsmittel im Gegenzug leider die Konzentration und Gedächtnis schwächen. So verringern Benzodiazepine wie Lorazepam oder Chlordiazepoxid die Muskeltätigkeit und führen zu Benommenheit. Das kann bei älteren Menschen zu Stürzen führen und in deren Folge häufig zu langen Krankenhausaufenthalten und Bettlägerigkeit. Besondere Vorsicht ist vor allem bei demenzkranken Patienten geboten, deren Erinnerungslücken durch solche Präparate noch verstärkt werden.

Die Einnahme von Schlaf- und Beruhigungsmitteln über einen längeren Zeitraum verändert auch die eigentliche beruhigende Wirkung und macht Patienten leicht reizbar. Der im Alter verlangsamte Stoffwechsel sorgt zusätzlich dafür, dass die Medikamente länger im Körper verbleiben und meist nicht vollständig abgebaut sind, bevor eine neue Tablette eigenommen wird. Als Fazit bleibt: Die Aufmerksamkeit der Patienten bleibt dauerhaft beeinträchtigt.

Welche Alternativen gibt es zu den Medikamenten auf der PRISCUS-Liste?

Prinzipiell ist eine niedrige Dosierung bei älteren Menschen besser verträglich. Dennoch sollten Schlaf- und Beruhigungsmittel eher vermieden, oder nur maximal vier Wochen eingesetzt werden. In manchen Fällen reichen auch pflanzliche Präparate wie Baldrian oder Johanneskraut aus, wenn es sich nur um eine leichte Schlafstörung handelt. „Entschieden werden muss das aber gemeinsam mit dem Arzt“ sagt Adriano Pierobon, der Geschäftsführer des bundesweiten Pflegedienstes HUMANIS. „.. und der sollte natürlich de PRISCUS-Liste kennen. Notfalls muss er auf sie hingewiesen werden, denn letztlich wird auch den Ärzten die Arbeit erleichtert – zum Wohle ihrer Patienten, die dann eben weniger oder keine Medikamente einnehmen müssen, die problematische Nebenwirkungen haben. Ein Abgleich der Medikamente mit der PRISCUS-Liste halte ich immer für sinnvoll.“

Wirkstoff Eingesetzt bei Nebenwirkungen Alternative Wirkstoffe
Lang wirksame Benzodiazepine: Chlordiazepoxid, Diazepam, Flurazepam, Dikaliumclorazepat, Bromazepam, Prazepam, Clobazam, Nitrazepam, Flunitrazepam, Medazepam Schlafstörungen, Erregungs- und Angstzuständen Im Alter erhöhtes Risiko von Stürzen und /oder Knochenbrüchen, Benommenheit und Schwindel, Beeinträchtigung von Aufmerksamkeit, Reaktionsvermögen, Gedächtnis Notfalls über begrenzte Zeit kurzwirksame Benzodiazepine in niedriger Dosis (Lorazepam bis 2 mg pro Tag, Lormetazepam bis 0,5 mg pro Tag, Brotizolam bis 0,125 mg pro Tag)

 

Z-Substanzen in niedriger Dosis (z.B. Zolpidem bis 5 mg pro Tag, Zopiclon bis 3, 75 mg pro Tag, Zaleplon bis 5 mg pro Tag)

 

Sedierende Antidepressiva, wenn erforderlich (z.B. Mirtazapin)

 

Baldrian

Kurz und mittellang wirksame Benzodiazepine: Alprazolam, Temazepam, Triazolam,

Lorazepam (> 2mg pro Tag)

Oxazepam (>60 mg pro Tag)

Lormetazepam (>0,5 mg pro Tag)

Brotizolam (>0,125 mg pro Tag)

Schlafstörungen, Erregungs- und Angstzuständen Im Alter erhöhtes Risiko von Stürzen und /oder Knochenbrüchen, Benommenheit und Schwindel, Beeinträchtigung von Aufmerksamkeit, Reaktionsvermögen, Gedächtnis Notfalls über begrenzte Zeit kurzwirksame Benzodiazepine in niedriger Dosis (Lorazepam bis 2 mg pro Tag, Lormetazepam bis 0,5 mg pro Tag, Brotizolam bis 0,125 mg pro Tag)

 

Z-Substanzen in niedriger Dosis (z.B. Zolpidem bis 5 mg pro Tag, Zopiclon bis 3, 75 mg pro Tag, Zaleplon bis 5 mg pro Tag)

 

Sedierende Antidepressiva, wenn erforderlich (z.B. Mirtazapin)

 

Baldrian

Z-Substanzen:

Zolpidem (> 5 mg pro Tag)

Zopiclon (>3,75 mg pro Tag)

Zalepion (>5 mg pro Tag)

Schlafstörungen, Erregungs- und Angstzuständen Im Alter erhöhtes Risiko von Stürzen und /oder Knochenbrüchen, Benommenheit und Schwindel, Beeinträchtigung von Aufmerksamkeit, Reaktionsvermögen, Gedächtnis Notfalls über begrenzte Zeit kurzwirksame Benzodiazepine in niedriger Dosis (Lorazepam bis 2 mg pro Tag, Lormetazepam bis 0,5 mg pro Tag, Brotizolam bis 0,125 mg pro Tag)

 

Z-Substanzen in niedriger Dosis (z.B. Zolpidem bis 5 mg pro Tag, Zopiclon bis 3, 75 mg pro Tag, Zaleplon bis 5 mg pro Tag)

 

Sedierende Antidepressiva, wenn erforderlich (z.B. Mirtazapin)

 

Baldrian

Doxylamin

Chloralhydrat

Diphenhydramin

Schlafstörungen, Erregungs- und Angstzuständen Im Alter erhöhtes Risiko von Stürzen und /oder Knochenbrüchen, Benommenheit und Schwindel, Beeinträchtigung von Aufmerksamkeit, Reaktionsvermögen, Gedächtnis Notfalls über begrenzte Zeit kurzwirksame Benzodiazepine in niedriger Dosis (Lorazepam bis 2 mg pro Tag, Lormetazepam bis 0,5 mg pro Tag, Brotizolam bis 0,125 mg pro Tag)

 

Z-Substanzen in niedriger Dosis (z.B. Zolpidem bis 5 mg pro Tag, Zopiclon bis 3, 75 mg pro Tag, Zaleplon bis 5 mg pro Tag)

 

Sedierende Antidepressiva, wenn erforderlich (z.B. Mirtazapin)

 

Baldrian